VOM PATHOLOGISCHEN PARADIGMA ZUR PERSONENZENTRIERTEN BEGEGNUNG
Wenn man demente Menschen pathologisch betrachtet, dann richtet man seinen Blick auf das, was krankhaft und defizitär ist. Man schaut auf alles was nicht in Ordnung ist, was nicht funktioniert, was anders sein müsste. Man schaut auf die Fehler eines Menschen und nicht auf seine Qualitäten.
Jeder kann selbst nachvollziehen, was dies für das Lebensgefühl eines Menschen bedeutet. Wenn einem dauernd nur gesagt wird, was man für Fehler macht, was an einem nicht in Ordnung ist, glaubt man bald selbst, dass man ein nutzloses Geschöpf ist oder - was viel besser wäre- man sagt einem solchen Kritikaster einmal ordentlich die Meinung und wird aggressiv. Das Pathologisieren wirkt auf den Menschen deprimierend oder aggressionsfördernd.
Die Grundlage der defizitär pathologischen Betrachtung ist ein materialistisches Menschenbild, das von der Voraussetzung ausgeht, dass der Mensch in der Hauptsache ein biochemisch-psychischer Apparat ist, der durch äußere Stoffe und Reize bestimmt wird. Das, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht, sein eigeninitiatives schöpferisches individuelles Wesen -andere nennen es das Ich des Menschen - wird von dem materialistischen Menschenbild überhaupt nicht in den Blick genommen. Hier ist ein radikaler Paradigmenwechsel nötig.
Nur wer das Ichwesen des Menschen in seiner Eigenart würdigen lernt, wer an den Anfang seiner Betrachtung keinen Krankheitsfall sondern den Menschen stellt, hat den Paradigmenwechsel verstanden und vollzogen. Erst auf dem Hintergrund einer personenzentrierten Würdigung ist man berechtigt auf Funktionen und Defizite zu schauen.
Die pathologische Betrachtung der Alzheimer-Krankheit kann man an folgendem Ausspruch eines Forschers an einem Alzheimerkongress 1996 ausgedrückt finden, der seinem Publikum erklärte:" Die Alzheimer-Krankheit ist eine körperliche Erkrankung. Die geistigen und emotionalen Symptome sind ein direktes Ergebnis einer Reihe katastrophaler Veränderungen im Gehirn, die zum Absterben von Gehirnzellen führen. Diese Degeneration ist irreversibel".
Für den Alltag bedeutet diese Aussage: Die gesamte Person schrumpft auf die Degeneration, auf das nicht Funktionieren des Gehirns zusammen.
Man sieht, dass eine solche pathologische Anschauung nicht absolut falsch ist, sie ist aber in ihrer Einseitigkeit und Bewertung falsch und destruktiv. Erst auf dem Hintergrund einer menschenwürdigenden Wesenbetrachtung sind Aussagen, die pathologisierend beschreiben, fruchtbar zu machen.
Die Einzigartigkeit einer jeden dementen Person kann beim materialistischen Menschenbild nicht gesehen werden. Eine biographische Lebensbetrachtung setzt nicht an Defiziten und Fehlern an, sondern richtet den Blick auf die einzigartige Wesenheit des Menschen und seiner Lebenssituation. Man schaut auch auf die Chancen und Möglichkeiten, die ein solcher Lebenszustand beinhaltet. Unter einem biographischen Gesichtspunkt ist Alzheimer nicht nur eine schlimme Krankheit, sondern ein Lebenszustand mit Besonderheiten, der unter Umständen sogar positive Qualitäten bergen kann, die die sogenannten normalen Menschen nicht haben. So haben die dementen Menschen oft ein unglaubliches Gefühl für seelische Stimmungen und Atmosphären. Manche haben eine große Offenheit, die soweit geht, dass sie sich gar nicht mehr vor unguten Einflüssen schützen können. Bei manchen moralischen Eigenschaften legen sie Qualitäten an den Tag, von denen sich die "Normalen" ein Stück abschneiden können. So kennen sie z.B. nicht Unehrlichkeit und Verstellung. Sie leben ihre seelischen Stimmungen ohne Taktik und Tricks aus, usw.
Der personenzentrierte Ansatz nach Tom Kitwood, hebt die Einzigartigkeit einer jeder Person hervor. Um diese Einzigartigkeit zu bemerken, erfordert sie ein bewusstes Präsent sein der jeweils zuhörenden Person. Sie basiert auf der ethischen Wertigkeit einer jeden Bezugperson. Auf diesem Grundstock kann eine neue Begegnung vom Ich- zum -Du wachsen.
Diese Begegnung hebt die Ganzheit als Person hervor. Die jeweilige Lebensphase wird weder positiv noch negativ bewertet. Jeder Mensch erfährt von seiner sozialen Umgebung, ungeachtet seiner biographischen Situation, Anerkennung, Liebe, Respekt und Vertrauen. Dies sind die elementarsten menschlichen Bedürfnisse. Nur wenn sie erfüllt und befriedigt werden, kann der Mensch leben. Durch ihre Erfüllung ist die Möglichkeit gegeben dass er sich in seiner Individualität entfalten kann, "Personsein" kann.
Auch wenn die gesetzlichen und finanziellen Vorgaben sich noch stark an einer pathologischen und funktionalen Betrachtung orientiert, ist dies kein Grund den Mut zu verlieren.
Freude und geistige Kraft kann einem im Beruf besonders dann zufließen, wenn man den menschlichen Sinn seiner Arbeit empfinden und gestalten kann. Wenn es gelingt einem Demenzkranken eine Akzeptanz und Würdigung seiner Lebenssituation zu verschaffen, darf man auch als Betreuter eine durch die Arbeit erfahrene Würdigung erleben. Die schönste Freude ist die, einem anderen Menschen auf seinem Lebensweg in rechter Weise bei gestanden zu haben, sodass auch im Alter dem "Leben nicht nur Jahre, sondern den Jahren Leben geschenkt werden kann."
Wohnküchen - Konzept
Der demente Mensch möchte gestalterisch tätig sein. Er fühlt sich meistens nicht alt oder bedürftig. In seinen Vorstellungen lebt er mitten im Leben, trägt Verantwortung im Beruf oder innerhalb der Familie. Diese Schaffenskräfte sollte die begleitende Person in eine sinnvolle Tagesaktivität umwandeln. Früher spielte sich das Leben vermehrt in der Wohnküche ab. Das Wohnküchen - Konzept greift diesen biographischen Impuls auf. Hier, in diesem Bereich gestalten die Begleiter mit den dementen Menschen den Tagesablauf. Ein rhythmischer Wochenablauf kommt dem Sicherheitsbedürfnis dieser Menschen entgegen. Es wäre sinnvoll, wenn gemeinsam jeden Tag gekocht würde. Sie haben die Möglichkeit wohl vertraute Düfte wahrzunehmen. Die vorhandenen Ressourcen werden aktiviert. Das Erarbeitete kommt auf den Tisch, und es wird danach in der Gemeinschaft gegessen(Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen). Somit besteht auch die Möglichkeit in diesen Aktivitäten die Lieblingsspeisen der dementen Menschen in den Alltag zu integrieren. (Hackfleisch, Fleischgerichte und frische Eier sollten gemieden werden -Salmonellengefahr). Die Tagesgestaltung sollte sich an der Jahreszeit orientieren. Das jahreszeitliche bewusste Erleben vermittelt den dementen Menschen Orientierung und Sicherheit, stärkt somit ihre Persönlichkeit und hilft Ängste abbauen. Einfache, biographisch bekannte Kochrezepte, bereiten ihnen viel Freude. (Kuchen backen, je nach Jahreszeit Kompott, Marmelade kochen, Eintopf, Gemüsesuppe, Kartoffelsalat, Salzkartoffeln, Pellkartoffeln mit Quark, Brot und Rosinenbrötchen backen etc.).Das Kochen ist eine wichtige Beschäftigung. Zeitung lesen, Wäsche zusammenlegen, Blumen pflegen und gießen, sowie kehren und Staub wischen und ev. das Versorgen von Kleintieren sind ebenfalls von früher gewohnte Betätigungen. Die Tagesgestaltung richtet sich nach den biographischen Gewohnheiten der dementen Menschen. Die Begleiter gestalten diese aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen.
Wichtig: Hygiene - bitte richten sie sich nach dem Hygieneplan.
Garten-Konzept
Bewusst die Jahreszeit, sowie den Tag- Nachtrhythmus zu erleben ist für diese Menschen von enormer Wichtigkeit. Da sie im kognitiven Bereich stark beeinträchtigt sind, ist es von großer Bedeutung diese Komponente auf der Erlebnisebene wahrzunehmen.
Der Garten ist ein wichtiger Bestandteil im Alltag der dementen Menschen dieser Generation. Sie sollten die Möglichkeit besitzen ungehindert in den Garten zu gelangen. Jahreszeitliche Früchte und Obst beim Vorbeigehen pflücken zu können und es sofort genießen zu dürfen.(Wichtig: keine giftigen Sträucher und Bäume). Hochbeete säumen den gut begehbaren Weg. Sie laden zum Hacken und bepflanzen ein. Bei den Blumenbeeten (von den ersten Frühlingsblumen bis zur letzten Herbstaster) stehen Bänke zum Verweilen.
Eine Gewürzschnecke gibt die Kräuter für ein schmackhaftes Butterbrot, sowie die Gewürze zum Kochen.
Die gut begehbaren, im Kreis angelegten, Wege führen den dementen Menschen zu allen Sinnes anregenden Gegenständen. Sollte ein Weg in die Sackgasse führen, so steht an dessen Ende eine Sitzgelegenheit (der demente Mensch hat dadurch die Gelegenheit zur Umkehr).
Kleintiere erhöhen die Lebensqualität dieser Menschen. Sie erleben dass sie gebraucht werden. Sie können die Tiere pflegen, füttern oder streicheln .Die Zuwendung und zärtlichen Gefühle, welche im Alltag oftmals verschüttet werden, können durch die Tieren wieder erlebt und gelebt werden.
Eine Wasserquelle würde nicht nur den Garten bereichern, sondern auch die Sinne anregen und das Wohlgefühl der dementen Menschen steigern (ca.1 Meter hohen Stein, über den das Wasser fließt würde genügen, durch das Wasser werden die Vögel angelockt).
Ein ca. 1.80 Meter hoher, grüner, engmaschiger Zaun umschließt den Garten.
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Abend - Konzept
Die einbrechende Dunkelheit versetzt die dementen Menschen vermehrt in Unruhe und Ängste. Sie möchten nach Hause, fragen öfters nach ihren Angehörigen. In diesen Abendstunden sind eine Betreuung und Rituale von großer Bedeutung. Das Bedürfnis nach Sicherheit wird unterstützt wenn die Tische gemeinsam gedeckt werden. Für die meisten Menschen ist ein Tischgebet vor jedem Essen hilfreich, zumal die meisten Menschen dieser Generation noch eine entsprechende religiöse Anbindung hatten. Die Mahlzeiten werden
gemeinsam mit dem Pflegepersonal eingenommen. Die Tische werden gemeinsam wieder
abgedeckt. Einige Frauen spülen mit großer Freude das Geschirr. Während dieser Arbeit besteht öfters das Bedürfnis des Erzählens. Durch aufmerksames Zuhören der Pflegekraft besteht die Möglichkeit eine vertrauende Beziehung aufbauen. (Das von Hand gespülte Geschirr wird später dezent in den Geschirrspüler eingeräumt).
Am Abend, nach vollbrachter Arbeit, setzten sich früher die Menschen nochmals zu einer gemütlichen Runde zusammen. Bei diesem Zusammensein besprach man die Alltagsprobleme oder man erzählte sich die Dorfneuigkeiten. Es ist für das Wohlbefinden der dementen Menschen von großer Bedeutung wenn diese biographischen Impulse in das Abendritual integriert werden. Wenn nach dem Abendbrot ein gemütliches Beisammensein ermöglicht wird, wo man sich Dinge erzählen kann, wo gemeinsam gesungen wird, vielleicht zum Genießen noch ein alkoholfreies Bier auf dem Tisch steht, (Alkohol nur in Absprache mit dem Neurologen) da können sie sich in der Gemeinschaft sicher und geborgen fühlen. Nach diesem Erleben fällt es den dementen Menschen leichter sich zur Nachtruhe zu begeben.
Nacht - Konzept
Begleitet eine Pflegekraft den dementen Menschen zur Nachtruhe, so sollte sie bestens über seine individuellen Rituale informiert sein. Es ist wichtig dass dieser Rückzug in Ruhe und Harmonie stattfindet (Hektik und Stress erzeugen Unsicherheit und Ängste).
Während der Nacht ist die Wohnküche der Treffpunkt für alle "Wanderer" (Akzeptanz der "Wanderer"). Hier können sie sich bei beruhigender Musik, Essen und Trinken ausruhen. Die Nachtwache ist in der Wohnküche immer anwesend. Ihre Anwesenheit trägt zur Sicherheit der Menschen bei (außer bei den vorgegebenen Kontrollgängen).
Verspürt ein dementer Mensch den Wunsch nach Nähe und Geborgenheit und sucht das Bett einer anderen Person auf, so ist dem zu gewähren wenn beide Menschen eine Einstimmigkeit signalisieren.
Schlafmittel sollten nur als letzte Möglichkeit verordnet werden. Sie beeinträchtigen in den meisten Fällen die Persönlichkeit, erhöhen die Sturzgefahr, machen abhängig und die Gefahr einer Überdosierung ist beträchtlich.
Während den Neu - und Vollmondphasen verspüren die dementen Menschen einen erhöhten Laufdrang.
Farben - Konzept
Die dementen Menschen haben ein verändertes visuelles Wahrnehmen. Durch diese Beeinträchtigung leiden sie öfters an Halluzinationen. Helle, klare Farben besitzen therapeutische Eigenschaften. In diesen Farben sollten die Gardinen, die Wände und der Fußboden aufeinander abgestimmt werden. Dunkle-, weiße- oder sogar Mischfarben vermögen sie nicht als solche zu erkennen. Sie verunsichern den dementen Menschen, sie fühlen sich in ihrer Sicherheit beeinträchtigt. Durch die veränderte Wahrnehmung sind sie auch in der Orientierung eingeschränkt (glauben irgendwelche Hindernisse zu erkennen). Dadurch kann sich die Sturzgefahr erhöhen.
Bei der Milieugestaltung sollten einfarbige Sofas die Menschen zum Verweilen einladen. Bei großflächigen Mustern besteht die Gefahr einer halluzinatorischen Verkennung. So kann es durchaus passieren dass sich ein dementer Mensch weigert sich auf das betreffende Sofa zu setzen da sich darauf schon Tiere befinden.
Welche hellen, klaren Farben gewählt werden, richtet sich nach den jeweiligen Lichtverhältnissen (empfehlenswert 500 Lux).